Anatomie

Unser Rückgrat (lat. – spina) ist das komplexeste Organ des menschlichen Körpers. Das muß auch so sein, wenn man sich die Bedeutung der Wirbelsäule (lat. – columna vertebralis) als zentrales Haltungs- und Bewegungsorgan vor Augen hält. Bewegung ist Leben. Die Wirbelsäule ist also lebenswichtig. Mobilität in allen Lebenslagen erfordert aber zunächst Stabilität. Das weiß nicht nur der Sportler. Jeder aktive Mensch ist aus einer stabilen Haltung heraus tätig, sei es im Handwerk, im Haushalt oder am Schreibtisch.

Seitenansicht Wirbelsäule Anatomie

Die Wirbelsäule dient als Kernstück des menschlichen Skeletts als Basis für alle anderen Körperteile. Die Wirbelkörper geben ihr Struktur und Substanz. Sie bilden gemeinsam den Spinalkanal und beherbergen darin das Rückenmark und die daraus abgehenden Nervenwurzeln wie ein schützender Panzer. Sie selbst wiederum werden durch die Bandscheiben geschützt, die wie Stoßdämpfer zwischen ihnen gelagert sind. Darüber hinaus ermöglichen diese gleichzeitig eine beachtliche Flexibilität der Säule. Damit diese nicht zu einer die Haltung gefährdenden Instabilität führt, wird der Bewegungsspielraum von den Wirbelgelenken, deren Gelenkkapseln und einer Vielzahl von starken bandartigen Bindegewebssträngen limitiert.

Die Muskulatur ist für Haltung und Bewegung gleichermaßen essentiell. Starke Muskeln liefern die Kraft und geben die grobe Richtung vor, feine Muskeln justieren die Stellung der Gelenkflächen und steuern die Präzision der momentanen Haltung und jeder daraus durchgeführten Bewegung. Als Protagonisten und Antagonisten unterstützen sich verschiedene Muskeln und Muskelgruppen, bzw. halten sich gegenseitig im Gleichgewicht. Die Kontrolle über all diese Vorgänge behält das Gehirn über die Nervenbahnen, die aus dem Rückenmark hervorgehen und nicht nur die Extremitäten, sondern auch die Wirbelsäule selbst innervieren. Der gesamte wechselseitige Informationsaustausch zwischen Körper und Gehirn läuft über die Nerven durch den Spinalkanal.

Damit die Wirbelsäule ihren vielfältigen Aufgaben gerecht werden kann, ist ein kompliziertes Zusammenspiel verschiedener Komponenten notwendig:

Man unterteilt die Wirbelsäule grob in die Hals- (HWS, lat. – cervical), Brust- (BWS, lat. – thorakal), Lendenwirbelsäule (LWS, lat. – lumbal) und Kreuzbein (lat. – sacrum). Die Wirbelkörper werden numeriert und mit dem lateinischen Ausdruck für den jeweiligen Abschnitt bezeichnet. Die Anzahl der Wirbelkörper pro Abschnitt unterliegt selten einer Variation, ohne daß dies krankhaft wäre.

In der Regel sind

  • 7 Halswirbelkörper (HWK 1-7 oder C1-C7),
  • 12 Brustwirbelkörper (BWK 1-12 oder Th 1-12) und
  • 5 Lendenwirbelkörper (LWK 1-12 oder L1-12) angelegt.

Die drei sakralen Wirbelkörper (S1-3) sind meistens miteinander zum Kreuzbein knöchern verwachsen. Ebenso verhält es sich mit dem daran anschließenden Steißbein (os coccygeum) welches bei anderen Säugetieren dem Schwanz entspricht, beim Menschen aber nur als ein kleiner Fortsatz vorliegt.

Grafik Halswirbelsäule
Grafik Brustwirbelsäule
Grafik Lendenwirbelsäule
Wirbelsäule Segment nach Junghans

Nach Junghans ist die Wirbelsäule funktionell in Segmente gegliedert.

Zwei Wirbelkörper, die dazwischen befindliche Bandscheibe und die sie umgebenden Weichgewebe wie Bänder, Gelenkkapseln und Muskeln stellen als ein Segment die kleinste Bewegungseinheit der Wirbelsäule dar. Die Segmente werden mit den jeweils benachbarten Wirbelkörpern bezeichnet (z. B. L1/2 oder L5/S1) und dienen der Lokalisation von auffälligen Befunden an der Wirbelsäule.

Während eine Bandscheibe eindeutig einem Segment zugeordnet ist, ist ein Wirbelkörper an der Bildung von zwei Segmenten beteiligt. Dies hat erhebliche Bedeutung bei der Beurteilung der funktionellen Bedeutung von Verletzungen und Erkrankungen.

Die zervikalen, thorakalen und lumbalen Wirbelkörper unterscheiden sich in Form und Größe. Alle Wirbelkörper bilden die knöcherne Wirbelsäule und sind sämtlich individuell geformt.

In der sehr beweglichen HWS sind sie wesentlich kleiner und zarter gebaut, als an der LWS, wo sie großer Belastung ausgesetzt sind. Die Wirbelkörper entstehen während der Wachstumsphasen aus diversen Knochenkernen.

Bleibt ein Zusammenwachsen aus, kommt es zu Fehlformen, die zu ganz unterschiedlichen Deformitäten der Wirbelsäule führen können. Wie jeder Knochen können auch die Wirbelkörper an verschiedenen Stellen brechen (Fraktur) oder Verschleißprozessen (Spondylose) unterliegen. Auch Tumore und Infektionen kommen in ihnen vor.

Die kleinen Wirbelgelenke finden sich in allen Bereichen der Wirbelsäule. Die Gelenkflächen stehen je nach Funktion der betreffenden Abschnitte unterschiedlich zueinander und unterliegen unterschiedlich starker Belastung. Am größten ist diese an der LWS. An der BWS ist die Belastung deutlich geringer, da der Brustkorb (lat. – Thorax) durch die Rippen stabilisiert wird. Wie bei allen Gelenken findet sich auch hier eine bindegewebige Hülle, die Gelenkkapsel. Diese hat großen Anteil an der Stabilität.

Im Innern findet sich auch eine Gelenkschleimhaut (lat. – synovia), die Gelenkflüssigkeit (lat. – synovialis) absondert. Diese verbessert die Gleitfähigkeit der knorpeligen Gelenkflächen und ernährt sie auch. Die Arthrose der Facettengelenke (Spondylarthrose) ist eine degenerative Verschleißerkrankung und sehr häufig Ursache von Schmerzen. Sie führt schließlich zur Verknöcherung (Ankylose).

Die Bandscheiben hielt man früher für eine Art Knorpel (lat. – chondros).

Heute weiß man, dass es sich um eine eigene Art des Bindegewebes handelt. Der weiche gallertartige Kern (lat. – nucleus) wird von einem widerstandsfähigen äußeren Faserring umgeben. Die Grund- und Deckplatten der angrenzenden Wirbelkörper werden ebenfalls den jeweiligen Bandscheiben zugerechnet.

Die Bandscheiben verbinden die Wirbelkörper auf elastische Art miteinander. Sie ermöglichen damit nicht nur die Flexibilität der Wirbelsäule, sie tragen als Stoßdämpfer auch ganz wesentlich zur Widerstandsfähigkeit bei.

Die Wirbelsäule wird zusammengehalten durch eine Vielzahl bandartiger Stränge von Bindegewebe.

Sie sind ganz unterschiedlich stark ausgeprägt. Das große Vordere Längsband z. B. läuft über die Vorderseiten aller Wirbelkörpern und Bandscheiben und ist sehr widerstandsfähig. Das Hintere Längsband hingegen ist eher zart angelegt. Daher brechen Bandscheibenvorfälle auch häufiger an dieser Stelle des geringsten Widerstandes (lat. – locus minoris resistentiae) in den Spinalkanal durch, als nach vorne.

Die Muskulatur rund um die Wirbelsäule ist sehr vielschichtig und detailreich aufgebaut. Rund um die Facettengelenke finden sich kleinere feine Muskeln, die vor allem die Bewegungen steuern, während darüber gelegene Muskelschichten die Kraft dafür entwickeln. Die verschiedenen Muskelzüge übergreifen unterschiedlich große Abschnitte.

So gibt es nur das einzelne Segment umgreifende Muskeln, aber auch Muskelstränge, die von verschiedenen knöchernen Ursprüngen eines Abschnitts zu mehreren Ansätzen an Wirbelkörpern in einem weiter entfernten Bereich ziehen. Hierdurch ist die Bewegungsauslenkung der Wirbelsäule sehr gut steuerbar.

Die Muskeln sind meist durch eine sogenannte Faszie eingehüllt. Der Spalt zwischen zwei Faszien wird Septum genannt und dient als Verschiebeschicht der Muskeln. Diese Septen macht man sich im Rahmen der minimal-invasiven Chirurgie zunutze, indem man die Muskeln hier stumpf und damit schonend auseinanderdrängt, statt sie zu zerschneiden und vom Knochen abzulösen.

Anatomie des Spinalkanals

Der Spinalkanal wird von den Wirbelkörpern gebildet und zieht vom Schädel bis in das Kreuzbein.

Er beherbergt das Nervensystem, Fettgewebe und Blutgefäße. Zu den Seiten verlassen pro Segment zwei Nervenwurzeln die Wirbelsäule und ziehen jeweils zu bestimmten Partien der jeweiligen Körperhälfte.

Anatomie Nervensystem Wirbelsäule

Das Rückenmark bildet mit dem Gehirn eine anatomische Einheit, das Zentrale Nervensystem (ZNS). Gehirn und Rückenmark sind von einer gemeinsamen Haut umgeben, der Dura mater. Zwischen dieser und dem ZNS fließt das Hirnwasser, der Liquor cerebrospinalis. Dieser hat viele Funktionen, wie z. B. den Transport von Nähr- und Botenstoffen. Wichtig ist aber auch die Schutzfunktion als Wasserkissen, welches Stöße abfedert. Ohne Liquor würde das ZNS bei Stürzen oder großer Beschleunigung am umgebenden Knochen anschlagen und verletzt werden. Darum ist der Verlust des Liquorkissens im Rahmen der räumlichen Einengung des Spinalkanals (Stenose) besonders kritisch.

Beim Verlassen des Schädel hat das Rückenmark eine feste Struktur. Erst am unteren Ende der Brustwirbelsäule schwimmen die Nervenbahnen ähnlich einem Pferdeschwanz (cauda equina) als loses Bündel im Liquor. Der Übergang wird Konus (conus caudae) genannt und ist besonders anfällig für eine Kompression durch Verengung des Spinalkanals. Neurologische Ausfälle hierdurch betreffen meist die gesamte untere Körperhälfte und erfordern eine umgehende Behandlung.

Die Nervenfasern sammeln sich zu segmentalen Nervenwurzeln (lat. – radix), die auf beiden Seiten die Wirbelsäule verlassen und in die Peripherie des Körpers ziehen. Die Nervenwurzeln werden häufig von Veränderungen im Spinalkanal, wie z. B. Bandscheibenvorfällen in Mitleidenschaft gezogen. Von neurologischen Ausfallerscheinungen und Schmerzen im Versorgungsgebiet der Nervenwurzeln läßt sich auf die segmentale Höhe der Störung rückschließen.

Ebenso wie der gesamte Körper wird auch die Wirbelsäule selbst innerviert. Dies geschieht über sehr feine Nervenäste deren Verlauf individuell sehr unterschiedlich ist. Die Facettengelenke werden regelmäßig durch je einen Ast zweier benachbarter Nervenwurzeln versorgt. Daher müssen bei der Schmerztherapie auch pro Facette zwei Nerven verödet werden.